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Geschichten aus dem Wald - Christina 🌲

Eine Geschichte aus dem Wald über Schuld, Scham und die Last, die wir für Stärke halten

Christina kam mit einer Last in den Wald. Man konnte sie nicht sehen. Aber sie war da.

Eine Last aus Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und Scham. Aus der Frage, was sie hätte anders machen können. Aus der Verantwortung für ihr Kind. Und aus einer Verantwortung, die sie noch immer gegenüber ihrem ehemaligen Partner empfand. 18 Jahre Beziehung lagen hinter ihr.

Und manchmal schien es, als würde sie noch immer versuchen, für alles die Verantwortung zu tragen, was zwischen ihnen geschehen war. Vielleicht war genau das ihre größte Last.


🌊 Die Welle

Zu Beginn führte Christinas Weg an einem kleinen Bach entlang.

Das Wasser floss ruhig zwischen den Steinen hindurch. Licht und Schatten wechselten sich unter den Bäumen ab. Nach kurzer Zeit blieb Christina stehen.

Sie setzte sich an eine schöne Stelle am Bach. Dort, wo die Sonne durch die Baumkronen fiel und gleichzeitig tiefe Schatten auf das Wasser warf. Sie kauerte sich an den Rand des Baches. Die Arme eng um Beine geschlungen. Und dann kam eine Welle.

Traurigkeit. Ganz plötzlich. Sie war einfach da. Wir blieben bei diesem Gefühl.

Und als ich sie fragte, was noch darunter liege, zeigte sich auch Wut. Wut über das, was geschehen war. Wut über Vorwürfe. Wut über die Verantwortung, die sie empfand.

Und vielleicht auch Wut darüber, dass sie so vieles nicht mehr kontrollieren konnte. Ich lud sie ein, nichts davon verändern zu müssen. Nicht wegzuschieben. Nicht zu analysieren.

Einfach nur dazusitzen und zu beobachten. Nach einiger Zeit fragte ich sie: „Wo kannst du dieses Gefühl in deinem Körper spüren?“ Christina suchte danach. Doch plötzlich war da nichts mehr.

Die Welle war gegangen. Wie das Wasser des Baches. Sie war gekommen. Sie war gespürt worden. Und sie war weitergezogen.

Vielleicht ist das manchmal schon ein kleines Geheimnis der Natur:

Nicht jede Welle muss bekämpft werden. Manche wollen nur durch uns hindurchfließen.


🍃 Ein Zeichen auf der Lichtung

Christina setzte ihren Weg fort. Aus dem dichten Wald führte der Weg schließlich hinaus auf einen Waldweg. Wir gingen ein Stück. In Stille. Dann bog Christina unvermittelt nach links ab.

Etwas hatte offenbar ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie wusste selbst nicht genau, was. Sie folgte einfach ihrer Intuition. Querfeldein. Immer weiter. Bis sich der Wald öffnete.

Vor uns lag eine kleine Lichtung. Christina blieb stehen. Sie erkannte zwischen den Pflanzen und Bäumen eine Art Kreis. Ich fragte sie, was sie an diesen Ort gezogen hatte. Sie konnte es nicht genau erklären. Aber etwas war hier.

Also setzte sie sich in diesen Kreis. Und wir lauschten. Dem Wald. Den Vögeln. Spürten den Wind.

Und irgendwann war es vor allem der Wind, der ihre Aufmerksamkeit bekam. Er kam. Und ging.

Mal stärker. Mal kaum spürbar. Mal strich er sanft über ihre Haut.

Dann war er wieder verschwunden. Christina bemerkte etwas:

Auch das Leben kommt in Wellen.

Nicht alles bleibt. Nicht jede Stärke hält an. Und nicht jede Schwäche bedeutet, dass etwas falsch ist.


🌿 Das kleine Stück Holz

Während Christina dort saß, hielt sie etwas in ihrer Hand. Ein kleines Stück Holz.

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie lange sie es schon bei sich trug. Ich bat sie, es einmal genauer zu betrachten. Sie ertastete die Oberfläche. Dann entdeckte sie zwei kleine Auswüchse.

Stellen, an denen vermutlich einmal Äste gewachsen waren.

Zwei. Christina blieb an dieser Zahl hängen.

Vielleicht war es nur ein Zufall. Vielleicht auch ein Zeichen. Was die Zwei für sie bedeutete, musste sie selbst herausfinden. Mutter & Tochter? 2 Menschen und 1 Kind?

Der Wald gibt selten fertige Antworten. Er stellt eher Fragen.


🪵 Die Last

Später bat ich Christina, sich in der Umgebung ein Symbol für die Last zu suchen, die sie mit sich trug. Sie fand einen großen, armdicken Ast. Schwer. Unhandlich. Aber passend. Ich bat sie, ihn auf ihrem weiteren Weg mitzunehmen. Und etwas Erstaunliches geschah. Christina kam erstaunlich gut damit zurecht. Natürlich war der Ast schwer. Aber gleichzeitig gab er ihr Halt.

Sie fühlte sich mit ihm sogar einigermaßen im Gleichgewicht. Vielleicht war sie so lange gewohnt gewesen, ihre Last zu tragen, dass sie gar nicht mehr wusste, wie es sich ohne sie anfühlen würde.


🏞️ Das Tal

Nach einiger Zeit kamen wir wieder auf den Hauptweg. Doch vor uns lag ein kleines Tal.

Christina musste hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Mit dem schweren Ast in den Armen wurde dieser Weg plötzlich schwierig. Sie zögerte. Ich bot ihr an, die Last hier zurückzulassen. Christina legte den Ast ab. Und ging weiter. Mit leeren Händen.


🌳 Wer spricht eigentlich in meinem Kopf?

Nach einem kurzen Stück auf dem Hauptweg führte uns unser Weg erneut querfeldein in den Wald. Jetzt kam eine andere Aufgabe. Ich bat Christina, Naturstellvertreter für verschiedene Menschen und Anteile ihres Lebens zu suchen:

🌿 für sich selbst🌿 für ihr mutiges Ich🌿 für ihren inneren Kritiker🌿 für ihren Ex-Partner🌿 für ihre Tochter

Sie suchte für jede dieser Positionen einen Natur-Stellvertreter und legte sie auf dem Waldboden aus.

Nicht so, wie es „richtig“ wäre. Sondern so, wie es sich für sie im Moment stimmig anfühlte.

Dann betrachtete sie ihre Aufstellung. Und plötzlich wurde etwas sichtbar.

Ihr innerer Kritiker hatte Berührungspunkte mit ihrem Ex-Partner. Mit ihrer Tochter.

Und mit ihr selbst. Doch dann stellte sich eine andere Frage:

Wessen Stimme spricht da eigentlich?

Christina spürte hinein. Und erkannte: Es war die Stimme ihrer Mutter.

Also suchte sie auch für ihre Mutter einen Naturstellvertreter. Und plötzlich veränderte sich etwas. Die Stimme, die sie so lange für ihre eigene gehalten hatte, bekam einen anderen Ursprung. Vielleicht war sie gar nicht Christina. Vielleicht war es eine Stimme, die sie irgendwann übernommen hatte. Eine Stimme, die ihr sagte, was richtig und falsch sei. Eine Stimme, die sie bewertete. Eine Stimme, die sie schuldig fühlen ließ. Und vielleicht begann sie in diesem Moment zum ersten Mal zu erkennen:

Nicht jeder Gedanke in unserem Kopf gehört wirklich uns.


🪞 Die Last, die wir für Stärke halten

Wir sahen uns die Aufstellung noch einmal an. Und etwas wurde deutlich.

Christina hatte ihre Last zwar erkannt. Aber sie hatte sie noch nicht wirklich abgelegt.

Sie trug sie noch immer. Vielleicht sogar aus einem guten Grund.

Denn Christina hielt sich selbst für eine starke Frau. Und starke Menschen tragen schließlich ihre Last. Oder?

Vielleicht ist genau hier eine Falle verborgen. Denn manchmal verwechseln wir Stärke mit dem Vermögen, alles auszuhalten. Wir tragen. Wir funktionieren. Wir übernehmen Verantwortung.

Wir stehen auf. Immer wieder.

Und irgendwann vergessen wir, dass auch ein starker Mensch müde werden darf. Dass auch ein starker Mensch sagen darf: „Das ist mir zu viel.“

Dass Stärke manchmal nicht darin liegt, noch mehr zu tragen. Sondern darin, endlich ehrlich anzuerkennen:

„Ich kann das gerade nicht mehr alleine tragen.“


🪵 Zurück zur Last

Für den Rückweg zum Ausgangspunkt bat ich Christina, ihre Last wieder aufzunehmen.

Den großen Ast. Sie war bereit, ihn weiterzutragen.

Sie sagte, sie sei schließlich eine starke Frau. Und vielleicht stimmte das sogar.

Aber ich stellte ihr eine andere Frage:

„Welchen Preis zahlst du dafür, diese Last weiter mit dir herumzutragen?“

Eine Frage, die manchmal mehr bewegt als jede Antwort. Denn jede Last hat einen Preis.

Vielleicht nimmt sie uns Leichtigkeit.

Vielleicht nimmt sie uns den Blick nach vorne.

Vielleicht nimmt sie uns die Erlaubnis, wieder glücklich zu sein.

Und manchmal halten wir an unserer Last fest, weil wir glauben, dass wir sie tragen müssen, um ein guter Mensch zu sein. Die Antwort vielleicht noch verborgen in Christinas Schattenanteil.


🔥 Ein Teil darf bleiben

Am Ende des Weges durfte Christina ihre Last in einem kleinen Ritual noch einmal bewusst betrachten. Sie musste sie nicht einfach wegwerfen. Sie musste nichts erzwingen.

Denn vielleicht war die Last im Moment noch ein Teil ihres Lebens. Also durfte sie einen Teil davon mitnehmen.

Als Erinnerung. Nicht daran, wie schwer ihr Leben ist. Sondern daran, dass sie selbst entscheiden kann, was sie trägt und was nicht.

Vielleicht liegt genau darin eine der stillen Botschaften des Waldes:

🌲 Du bist nicht jede Stimme, die in deinem Kopf spricht.

🌲 Du bist nicht deine Schuldgefühle.

🌲 Du bist nicht die Bewertung eines anderen Menschen.

🌲 Und du musst deine Stärke nicht dadurch beweisen, dass du immer alles trägst.

Manchmal beginnt ein neuer Weg nicht damit, dass wir unsere Vergangenheit loswerden.

Sondern damit, dass wir sie anschauen. Sie verstehen.

Und irgendwann entscheiden:

Diese Last gehört noch zu meinem Leben.Aber sie muss nicht mehr bestimmen, wie ich meinen Weg gehe.

Und vielleicht war genau das Christinas wichtigstes Zeichen an diesem Tag. Nicht der Wind. Nicht der Kreis. Nicht die Zahl Zwei. Nicht einmal die L(ast).

Sondern die Erkenntnis, dass sie zum ersten Mal begonnen hatte, zwischen ihrer eigenen Stimme und den Stimmen der anderen zu unterscheiden.

Und manchmal ist genau das der Anfang von Freiheit. 🌿


Eine Frau balanciert einen schweren Ast auf ihren Schultern, während sie durch einen sonnendurchfluteten Wald spaziert, im Rahmen eines Naturcoachings.
Eine Frau balanciert einen schweren Ast auf ihren Schultern, während sie durch einen sonnendurchfluteten Wald spaziert, im Rahmen eines Naturcoachings.

 
 
 

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